Scannen, scannen, scannen! - Warum die Sicht auf einmal schlecht wird...

Oft gehört und noch öfter vergessen- der Ruf "scannen nicht vergessen" ist eine der bekanntesten Anmerkungen, denen wir im Krav Maga Training begegnen. Für die meisten heißt das mal eben schnell rechts und links den Kopf drehen, dann wird der Ausbilder schon zufrieden sein. Doch hinter diesem einfachen Begriff verbirgt sich eine ganze Menge an Hintergrund und Taktik.

Von Anfang an arbeitet man im Training mit verschiedenen Gegnern, sei es in den Aufwärmphasen, in Stressdrills oder bei Wahrnehmungsübungen. Dabei die Übersicht zu behalten ist schwer, und je anstrengender es wird, desto häufiger wird man auf einmal getroffen. Auf das Gehirn wirkt eine Fülle von Informationen ein, und aus irgendeinem Grund sind wir nicht in der Lage, diese Daten sachgerecht und schnell genug zu verarbeiten- zumindest nicht bewusst über die Steuerung des Großhirns. Dieser Grund liegt in den Auswirkungen des Stress', der sowohl körperliche als auch geistige Reaktionen beeinflusst.

Streß pur: Angriff mit einem MesserStressauslöder wie z.B. Gefahr bewirken eine Ausschüttung von Adrenalin. Dieser Botenstoff bereitet den Körper auf eine Kampf- oder Fluchtreaktion vor, indem er die Herzfrequenz erhöht, den Blutdruck ansteigen lässt, die Pupillen werden weit, Haare richten sich auf, der Blutzucker wird erhöht etc. Die meisten kennen diesen Zustand vom plötzlichen Erschrecken mit Herzklopfen und zitternden Händen und Knien. Der Körper steht unter maximaler Anspannung und ist bereit zu agieren. Gleichzeitig werden Areale des Großhirns gedämpft, dafür tritt der ältere Teil des Gehirns, das sogenannte Stammhirn, mehr in den Vordergrund. Für uns bedeutet das: Bewusster und logisch überlegter Umgang mit der Situation ist ab einem gewissen Stresslevel nicht mehr möglich, die Kapazitäten stehen nicht mehr zur Verfügung. Nur instinktiv ablaufende Prozesse, die unter realistischen Bedingungen im Training konditioniert, sprich im Stammhirn oder in Reflexbögen eingespeichert wurden, werden auf einen Reiz mit einer Antwort reagieren. Diese Handlung erfolgt unbewusst und sehr viel schneller als eine vom Großhirn geplante Aktion.

Hier erklärt sich eines der Erfolgsrezepte von Krav Maga: Wir arbeiten mit dem Stammhirn und Reflexen. Dazu in einem anderen Artikel mehr, betrachten wir die Auswirkungen des Adrenalins auf den Körper konkreter mit Hilfe der Herzfrequenz. Ein etablierter Erklärungsansatz ist das "Colour Condition" - Modell, mit dem der Status des Trainierenden beschrieben wird. Je dunkler die Farbe, desto mehr Einschränkungen wirken auf den Körper, bis hin zur völligen Erstarrung.

Condition White (weiß): Herzfrequenz normal, beim gesunden Erwachsenen zwischen 60-80 Schlägen pro Minute. Man geht von keiner Gefahr aus, betrachtet das Umfeld auch nicht dahingehend, beschäftigt sich mit sich selbst und geht seines Weges. Die Körperhaltung signalisiert Arglosigkeit und reduzierte Muskelspannung, Ausgangspunkt von einigen Techniken im Krav Maga ist in diesem Zustand der "passive stance"- hängende Arme, breiter Stand, Kinn oben und leicht angreifbar. Das erste Ziel des regelmäßigen Trainings ist es, diesen Zustand zukünftig nach Möglichkeit generell zu vermeiden- das ist durchaus möglich ohne paranoid zu wirken (oder zu werden).

Condition Yellow (gelb): Herzfrequenz ebenfalls normal, zwischen 60-80, der Unterschied zu White ist mehr psychologischer Natur. Die Person nimmt das Umfeld wahr, bewegt sich gezielt und wirkt auf Außenstehende präsent und selbstbewusst. Die Körperhaltung ist agil, bei der Wahrnehmung von Reizen reagiert der Betroffene durch Anpassung der Muskelspannung. Klassischer Stand ist in diesem Zusammenhang der "semi passive stance", die Arme sind im Oberkörperbereich, das Kinn unter Umständen gesenkt, der Blick wachsam. Werden in diesem Zustand zusätzliche Reize wie Drohungen, körperliche Annäherungen etc. registriert, die noch nicht als unmittelbar bedrohlich eingestuft werden, steigt die Herzfrequenz auf Bereiche zwischen 100 und 120 Schläge pro Minute. Ab einer Herzfrequenz von 115/ min schwindet die Feinmotorik schlagartig. Wer bei dieser Frequenz schon einmal versucht hat, mit zitternden Fingern einen Faden in ein Nadelöhr zu fädeln, weiß wie sich das anfühlt.

Condition Red (rot): Die optimale Region für Verteidigungs- und Kampfhandlungen, vorausgesetzt die Frequenz bleibt zwischen 115- 145 Schlägen pro Minute. Komplexe Abwehrtechniken, die aus hand defense, body defense und counter (möglichst gleichzeitig) bestehen, können hier sehr explosiv und schnell abgerufen werden. Voraussetzung ist dabei, dass die Techniken grobmotorisch sind, sprich keine komplizierten Elemente haben, und nah an den natürlichen Reaktionen des Menschen liegen. Die visuelle Aufnahmefähigkeit ist für die Situation ausreichend, allerdings ebenfalls schon eingeschränkt, es kommt zum Fokus (erweiterte Pupillen, Zoom auf die Gefahr) und damit zum Teilverlust des peripheren Sehens. Der Weitwinkelblick, den wir im Ruhezustand haben, ist hier eingeschränkt vorhanden. Das Großhirn ist noch in der Lage, technische Adaptionen vorzunehmen, vorausgesetzt das Trainingslevel ist ausreichend.

Die Art der Adaptionsfähigkeit in diesem Zustand wird im Krav Maga mit den Leveln Operator, Fighter und Warrior beschrieben. Der Operator bricht die Verteidigung ab, wenn die Technik nicht wie gewohnt funktioniert und er ein Problem bekommt. Das Gehirn stellt keine alternativen Lösungsansätze zur Verfügung. Der Fighter bemerkt das Problem in der Technik und löst es durch aggressive Angriffstrategien. Der Warrior wechselt blitzartig von Variante A zu Variante B aus seinem vorhandenen Lösungspool. Im Krav Maga Training wird durch Determination Drills das Operator Level zum Fighter Level konditioniert, der Teilnehmer lernt nicht aufzugeben sondern durch Kämpfen aus der Situation zu entkommen. Für den Übergang ins Warrior Level ist ein längerer Zeitansatz und intensives technisches Training notwendig.

Im Zustand Condition Red bewirkt die Adrenalinausschüttung übrigens auch eine massive Schmerzdämpfung, deswegen werden Verletzungen wie Schläge, Tritte und Stiche etc. in diesem Zustand meist nicht wahrgenommen. Die Idee dabei ist, z.B. auch trotz eines gebrochenen Beines laufen zu können. Die Schmerzwahrnehmung setzt meistens massiv nach der Bedrohungs- oder Schrecksituation ein, gefolgt von einem Kollaps des Körpers als Schutzwirkung. Dummerweise gilt dies auch für den Angreifer, deswegen setzen die Krav Maga Techniken immer an zentral wirksamen Punkten des Gegners an. Trotzdem muss man damit rechnen, dass ein Tritt zwischen die Beine nicht die gewünschte Wirkung erzielt- deswegen setzen wir Serien von 4-6 Gegenangriffen ein. Alles was nach der Herzfrequenz über 145 Schlägen pro Minute kommt, wird zum echten Problem für uns.

Condition Grey (grau): Frequenz zwischen 145 und 175 pro Minute. Komplette Ausprägung eines Tunnelblicks, Verlust der peripheren Sicht. Die sensorische Außenwahrnehmung wird ebenfalls massiv eingeschränkt, es gibt nur noch den Angreifer und den eigenen Herzschlag, die innere Hitze und ggf. das Gefühl von Furcht, Angst oder Schrecken. Das Gehör nimmt nur noch eingeschränkt bis gar nicht mehr die Umgebungsgeräusche wahr. Ungünstigerweise brauchen wir aber genau diese Sensoren, wenn wir von weiteren Angreifern ausgehen- Angriffe die jetzt aus einer anderen Richtung kommen, überraschen uns vollständig. Nur noch die gröbsten motorischen Bewegungen sind jetzt möglich, wie z.B. das Weglaufen oder Ausweichen, Kombinationen können nicht mehr schnell genug ausgeführt werden, Gegenangriffe erfolgen in der Regel nicht (Beispiel: Ausweichen vor einem Schlag und im letzten Moment mit zurückspringen, danach wundern was grade passiert ist). Die bewusste Wahrnehmung ist stark eingeschränkt und meistens nur hinterher abzurufen, wenn man sich "ins Gedächtnis" ruft was genau passiert ist. Das Stammhirn hat den notwendigsten Teil der Reaktion übernommen, weitere Lösungsansätze liegen aber nicht mehr vor. Ein weiteres Beispiel ist die Feststellung, dass man vor etwas wegrennt, ohne zu wissen warum eigentlich.

Eine Anmerkung nebenbei: Ab einer Frequenz von 175/min bewirkt die Gefäßverengung der "Adern" bei Verletzung einen geringeren Blutverlust, zumindest für einen gewissen Zeitraum.

Condition Black (schwarz): Wie die Farbe schon vermuten lässt- ganz schlecht! Es handelt sich um Frequenzen von 180-220/min, die Schließmuskeln können nicht mehr kontrolliert werden, man "macht sich nass". Es erfolgen keinerlei bewusst gesteuerte Reaktionen mehr, der Zustand ist Panik, es kommt zu irrationalen Reaktionen wie unkontrolliertem Schlagen oder ziellosem Wegrennen. Ebenfalls kann eine sogenannte Schockstarre ausgelöst werden, der Körper ist durch Adrenalin auf maximalen Einsatz vorbereitet, bekommt aber keine Handlungsanweisungen durch das Gehirn. Weinen, schreien, kreischen, auf dem Boden wälzen, flehen und ähnliche unterwürfige Verhaltensweisen treten in diesem Zustand ebenfalls auf. Das System hat einen Totalausfall.

Doch weg vom Ausfall und den schlechten Konditionen, hin zum Training: Ein aufmerksamer Krav Maga Anwender bewegt sich immer in Condition Yellow und wechselt bei einem Angriff schlagartig zu Condition Red. Dieses Ziel wird durch die spezielle Trainingsgestaltung in den regulären Stunden erreicht.

 

Und wo sortiert sich das anfangs erwähnte "scannen" jetzt in diesen Zusammenhang ein?

Durch den Wechsel in Condition Red ist dem Trainierenden nun bekannt, dass durch die Steigerung der Herzfrequenz (bzw. die Adrenalinausschüttung) das periphere Sehen eingeschränkt ist. Er möchte aber nach jeder Verteidigung oder sogar währenddessen so schnell wie möglich eine 360-Grad-Rundumsicht der Situation haben. Da das Sichtfeld nun auf einen gewissen prozentualen Ansatz zusammengeschmolzen ist, dreht der Verteidiger nun den Kopf deutlich und weit von einer Seite zur anderen. Dabei kann es helfen, sich das Sichtfeld der Augen als ein helles Scheinwerferpaar vorzustellen, dass über ein dunkles Feld streift. Wir möchten das ganze Feld sehen, also bewegen wir den Körper, den Kopf und die Augen zusammen, 360 Grad- und gleichen damit diese Einschränkung unserer körperlichen Reaktion aus. 

In Condition Yellow bewirkt das Scannen (die Rundumsicht) eine frühere Wahrnehmung von Problemen, dadurch ist man eher vorbereitet und vermeidet Schrecksituationen, die dann eine massivere Adrenalinausschüttung hervorrufen. So erreicht man den Wechsel in Code Red, und nicht in Grau mit allen verbundenen Problemen. Übungen dafür können z.B. sein, mit seinem Gegenüber zu sprechen, und trotzdem vorbeilaufende oder nebenstehende Leute wahrzunehmen, ohne dabei ständig die Augen nervös hin- und her schnellen zu lassen. Das kann nämlich schnell dazu führen, dass sich niemand mehr mit euch unterhalten möchte...Zusätzlich kann man spiegelnde Flächen einbeziehen, um Rückansicht und Seiten zwischendurch zu beobachten- eine schöne Übung z.B. in Fußgängerzonen, beim Sitzen in einem Schnellrestaurant o.ä.

Wenn man mit diesen Gedanken im Kopf dem Scannen in Zukunft noch mehr Aufmerksamkeit schenkt, und es in seine Abläufe als festen Bestandteil einbezieht, wird man überrascht sein wie viel effektiver man arbeiten kann. Außerdem wirkt man, vorausgesetzt im richtigen Verhältnis angewendet, auf Außenstehende präsent, offen und aufmerksam. Die Körperhaltung und der Blick signalisieren bewusstes Auftreten, und stärken damit eure Position in der Wahrnehmung anderer, oftmals ohne dass diese genau einsortieren können woher es kommt.


In diesem Sinne "scannen nicht vergessen",

Euer Protego Instructor Team